Brücken über die Mauer

Deutsch-deutsche Kontakte, Initiativen und Projekte von unten vor 1989 in Berlin
Brücken über die Mauer
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  • ISBN: 978-3-86-863080-0
  • 200 Seiten
  • 1. Auflage
  • Mit 22 s/w-Fotos und zahlreichen Dokumenten.
  • Format: 14,8 x 21 cm
  • 2011
Das immer wieder neue Aufkommen von menschlichen Bindungen und sachbezogenen Vorhaben in der... mehr

Das immer wieder neue Aufkommen von menschlichen Bindungen und sachbezogenen Vorhaben in der über vier Jahrzehnte staatlich, wirtschaftlich und infrastrukturell geteilten, aber selbst durch eine Mauer nicht völlig zertrennbaren deutschen Hauptstadt Berlin gehört zu den faszinierendsten Elementen der Geschichte der deutschen Teilung. Aus Anlass des 15. Jahrestages der zweiten deutschen Vereinigung am 3. Oktober 1990 fand deshalb am 27. September 2005 im Abgeordnetenhaus von Berlin eine Veranstaltung unter der Überschrift „Der Tunnel über der Mauer“ statt.1 Ihr Ziel war die Erinnerung an deutsch-deutsche Kontakte, Initiativen und Projekte von „unten“ vor 1989 vor allem in Berlin. Zu dieser Veranstaltung gehörten eine Talkrunde mit einigen an deutsch-deutschen Initiativen und Vorhaben Dabeigewesenen2 sowie eine kleine Ausstellung, in der die Geschichte der Verbringung der verfallenen Bohnsdorfer Mühle in das damalige Museum für Technik und Verkehr in Berlin-Kreuzberg und eine Auswahl von in den sechziger und siebziger Jahren von West nach Ost geschmuggelter Literatur dokumentiert worden waren. Zudem erhielt jeder Teilnehmer der Veranstaltung ein Skript „Der Tunnel über der Mauer“ mit Erlebnisberichten zum Thema. Zwei Jahre später, 2007, gab der Präsident des Abgeordnetenhauses unter der Überschrift der Veranstaltung „Der Tunnel über der Mauer“ zusätzlich eine Broschüre heraus, die nahezu alle Beiträge des Skriptes von 2005 enthielt. In dieser neuen Publikation „Brücken über die Mauer“ werden aus Anlass von 50 Jahren Errichtung der Mauer fast alle Texte der Abgeordnetenhausbroschüre von 2007 – z. T. in bearbeiteter Fassung – noch einmal abgedruckt. Dazu kommt eine Reihe weiterer Beiträge aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, die noch deutlicher darauf verweisen, welche Fülle an deutsch-deutschen Kontakten, Initiativen und Projekten vor 1989 trotz aller administrativen Hemmnisse und baulichen Sperrungen – vor allem in Berlin – Pfade zum Überleben oder zum Neuentstehen gefunden hatten. „Brücken“ – Rede 04.08.11 (M. D. u. H.!) Ein in der DDR gern zitiertes Gedicht, Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“, enthält die Verse „Wer baute das siebenthorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? ... Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein. Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? ...“ Seit 1990 geriet mir dieses Gedicht immer wieder ins Bewusstsein, wenn ich Texte zu den Freiheitsbestebungen in der DDR oder den deutsch-deutschen Bindungen in den Jahrzehnten der Teilung zu lesen bekam. Waren da wirlich nur die Personen am Werk gewesen, deren Namen den Weg in die Medien oder neuen Geschichtsbücher gefunden hatten? Oder waren da auch noch andere aktiv gewesen? Unscheinbare? Aber durchaus ebenfalls Wirkungsmächtige? Waren da nicht auch Menschen am Werk gewesen wie die • Von denen unser Buch „Brücken über die Mauer“ berichtet bzw. • Die in unserem Buch „Brücken über die Mauer“ selber berichten Ich weiß, die moderne DDR-Geschichtsschreibung offenbart sich gern als Unterdrückungshistoriografie. Und weniger als Darstellung eines immer wieder aufbrechenden Strebens nach – mehr oder minder – Selbstbestimmung. Und zusätzlich wird die DDR-Gesellschaft in diesem Beschreibungen nicht selten auch zu einer totalitären Gesellschaft ernannt. Es gehört zu den Ironien der Geschichte, dass mit dieser Deklarierung der DDR zu einem totalitären Land das Selbstbild der Diktatur, dass sie ihre Gesellschaft lange in der Hand gehabt hätten, zum neuen offiziellen Bild von der DDR befördert wird. Aber: Ein Land, in dem zwar keine politische Selbstbestimmung existierte, in dem eine Selbstbestimmung auf den Gebieten der Information und Kultur aber weitgehend möglich war, konnte niemals eine totalitäre Gesellschaft hervorbringen. Deshalb auch ist eine ernstzunehmende Darstellung des Alltags in der DDR nicht möglich, wenn sie nicht zeigt • In welchen Gebieten der DDR welche westlichen Hörfunk- und Fernsehsender empfangen werden konnten (und selbst von Leuten empfangen wurden, denen das von ihren Oberen strengstens verboten worden war). • Wann welche westlichen Bekleidungsmoden auch die DDR erreichten (anfangs über Importe der unterschiedlichsten Art, später auch in der DDR-gefertigten Bekleidung) • Wann welche westlichen Schlager in den DDR-Tanzlokalen erklangen (nur nebenbei: Als ein staatliches Gebot festlegte, dass nur 40 % der gespielten Titel aus dem Westen kommen durften, konnte man bei so mancher Kapelle an ein und demselben Abend nach manchem Westtitel gleich mehrmals tanzen). • Usw. Das wichtigste an der DDR-Geschichte ist nicht, was die selbst ernannte politische Führung der DDR wollte und machte. (Auch wenn es Reden, Beschlüssen, Lehrbüchern einigermaßen genau zu entnehmen ist.)Viel wichtiger, aber auch viel diffiziler, viel widerspruchsvoller und wegen des weitgehenden Verzichts auf das Instrument der Oralhistory auch erheblich schwieriger darzustellen ist, wie weit die Politik der DDR-Offiziellen wirklich umgesetzt wurde, Eingang in die Köpfe der DDR-Bürger fand, und wo sie in einer Gesellschaft, der der westliche Begriff vom Dienst nach Vorschrift durchaus bekannt war, Stück um Stück einfach versickerte. (Die in hohen Auflagen verbreiteten politischen Witze aus der DDR sind da Quellen von überzeugender Aussagekraft.) 
Ich finde es z. B. bedauerlich, dass die der SPD nahe stehende Geschichtswissenschaft niemals eine gründliche Erforschung des „Sozialdemokratismus“ in der DDR versucht hat. Ich hoffe, dass ich selbst noch aufschreiben kann, wie ich es anstellte, als Student • 1963 gründlich Bernstein und Kautsky • 1965–1967 regelmäßig den „Vorwärts“ • und 1966 die Protokollbände wichtiger SPD-Parteitage der 50er und frühen 60er Jahre zu lesen. (Dass ich in den 60ern auch schon ein Exemplar des „Godesberger Programms“ besaß, ist dem Beitrag meines Freundes Otto Cramer in den „Brücken ...“ zu entnehmen.) Es gibt aber nicht nur • fragwürdige Thesen zur DDR- Geschichte • und auffällige Lücken in deren Erforschung. • Es gibt auch fragwürdige Forschungsergebnisse. In seinem Buch „Leipzig 1968“, das er zwischen den beiden Teilen seines Beitrages für unseren Band erarbeitet hat, beschreibt Stefan Welzk, wie ein Nebenakteur eine bedeutenden widerständigen Handlung im Leipzig des Jahres 1968 seine historische Rolle zu überhöhen vermochte, nur weil er die Ohren der neuen Herren über die Geschichte rascher gefunden hatte als die beiden Hauptakteure. (Ein früherer Autor der „Schubladentexte aus der DDR“, Dr. A. D., hat vor einigen Jahren gezeigt, wie er nach 1990 mitsamt von Orten der Handlung aus der Geschichte der Opposition gestrichen wurde.) Denke an die DDR zurück, fällt mir gelegentlich auch der Mythos von Sisyphos ein. Immer wieder engagierte sich sehr unterschiedliche Menschen und Gruppen für mehr Freiheit, schoben den Stein nach oben, und mussten erleben, wie er wieder nach unten rollte: Schnell und gnadenlos ihre Bestrebungen unterbunden wurden. Bis dann dieser Mythos – bezogen auf die DDR – im Herbst 1989 sein Ende fand. Wir, die wir in der Freiheit, wie es ein großer Denker ausgedrückt hat, frühzeitig das „Wesen des Menschen“ gesehen hatten, und die wir uns auch die Freiheit genommen hatten, mit westdeutschen Partnern deutsch-deutsche Kontakte, Initiativen und Projekte von unten zu betreiben, haben die Pflicht, diesen Teil unserer Geschichte zu bewahren. Ein wenig soll das auch mit dem Buch „Brücken über die Mauer“ geschehen.

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