15..2.16.0

Medienecho: Schreiben hinter dem Endlichen


Schreiben hinter dem Endlichen


 


Lutz von der Werder, Pionier des Kreativen Schreibens in Deutschland, lädt seit Jahren zu Philosophischen Cafés in Berlin ein. Aus dem praktischen Philosophieren entstand nun einmal mehr ein interessantes Buch: „Spirituelles Schreiben“. Spirituelle Erfahrungen als „Durchbrüche zum Nicht-Alltäglichen“ sind verbreitet. Viele Menschen können von besonderen Erlebnissen berichten, zumeist ausgelöst durch besondere Umstände oder Krisen. Ob in der Natur, im Traum oder während tranceähnlicher Zustände erscheint die Welt plötzlich anders. Hinter dem Endlichen erscheint das Unendliche, hinter dem Bekannten das Unbekannte, hinter der Materie erscheint der Geist. Da es sich jedoch um unaussprechliche, flüchtige, überraschende Momente handelt, bleibt oft nur ein Hauch von Ahnung des „All-Einen“. Lutz von Werder möchte dies ändern, indem er gezielt zum spirituellen Lesen und Schreiben anregt. Das trägt zu einer poetischen Vertiefung und Kommunikation dieser Erfahrungen bei. Er widmet sich im ersten Teil den Methoden des Lesens und Schreibens mystischer Texte und ihrer spirituellen Theorie. Im zweiten, historischen Teil verfolgt er die Spur der philosophischen Mystik anhand ausgesuchter Autoren der Moderne. Sie geben uns einen Eindruck vom Reichtum der Bilder, die „vom All-Einen als Quelle von Allem entwickelt worden sind“. Dabei zeigt sich von Hölderlin, über Rilke, Hesse, Camus bis zu Ingeborg Bachmann und Paulo Coelho, um ein paar der Autoren zu nennen, eine facettenreiche Tiefe und Verbundenheit. Es zeigt sich, wie sehr es sich lohnt, die üblichen Literaturen zu verlassen und den Weg mystischen und spirituellen Dichtens zu gehen. Ausblick gibt der dritte Teil, der einen konkreten Kurs zum Schreiben dieser Texte vorstellt. Es sind konkrete Beispiele, wie der ursprüngliche Sinn der Dinge durch Schreiben erschlossen werden kann. Und dies angesichts des andauernden Katastrophenkapitalismus nicht genau das, was nötig ist? Einen tiefen Sinn inmitten scheinbarer Sinnlosigkeit zu finden? Das hier vorgelegte Praxisbuch ist einmal mehr Ausdruck und Anregung zum lebendigen Philosophieren. Spirituelles Schreibenzeigt sich als wichtige Praxis eines neuen Existentialismus. „Es stiftet Erhellung und Beziehungen für Einzelne und in Gruppen.“


Frank Kaufmann


Textart, Magazin für kreatives Schreiben. 2015, Nr. 3, S. 53