15..2.16.0

Medienecho: Spirituelles Schreiben


Lutz von Werder, geb. 1939, Philosoph, bis 2004 Hochschullehrer für Kreativitätsforschung, legt einen weiteren Band in der Reihe Philosophische Lebenskunst vor. Die Reihe enthält zurzeit ca. 16 Bände, von denen zwölf von ihm stammen.


Der erste Teil ist der mystischen Philosophie der Moderne gewidmet und stellt auf 20 Seiten philosophische und theologische Autoren vor und den Zusammenhang von Mystik und Poesie. Der zweite Teil (320 Seiten) befasst sich in zwölf Kapiteln mit mystischen Strömungen der Literatur seit der Romantik. Diese Fülle wirkt anfangs berauschend und verheißt neue Herangehensweisen an die Texte bekannter AutorInnen:


- Amerikanischer Transzendentalismus – Whitman


- Philosophen der All-Einheit – Rilke und Hesse


- Expressionismus – Lasker-Schüler und Benn


- Marxistische Mystik – Brecht


- Zen-Leere – Jack Kerouac


- Gottlose Mystik nach Auschwitz – Ausländer, Sachs, Domin


- Spirituelle Mystik – Coelho


Der dritte Teil ist einem Grundkurs spirituellen Schreibens auf ca. 10 Seiten gewidmet.


Die Fülle zu bündeln war für den Autor offensichtlich nicht einfach: Der Ton ist oft umgangssprachlich und redundant; Aufzählungen sind so verkürzt, dass Sätze aus dem Zusammenhang gerissen scheinen; weniger bekannte Autoren werden nicht vorgestellt, Lebensdaten und Professionen unterschlagen. Die Kenntnis philosophischer und mystischer Konzepte wird vorausgesetzt – schade für die, die sich nicht auskennen mit negativer Theologie, der unio mystica oder Heideggers Spät-Philosophie. Durch den Text einschließlich aller Zitate zieht sich eine Spur nicht gekennzeichneter Fett-Markierungen, welche den Lesenden zeigen, was sie bemerken sollen.


Die Herangehensweise an Spiritualität als Thema ist spannend. Von Werder geht davon aus, dass die Lesenden einverstanden sind mit einer gottlosen Mystik und diese für sich mittels der Schreibübungen entfalten wollen. Ansätze von Theologen wie Meister Eckhart oder Friedrich Schleiermacher, als wären sie überzeugte Vertreter der gottlosen Mystik gewesen. Deren religions- oder kirchenkritische Ansätze können m. E. dennoch nicht ohne Zwischenschritt so gedeutet werden. Thesen in diesem Zusammenhang sind nicht durchgängig als solche gekennzeichnet und treten oft als Behauptungen auf.


Weiterhin gehen Autor und Verlag in der Buchbeschreibung davon aus, dass „in der säkularisierten Welt [...] heute jeder eine Vielzahl von spirituellen Erfahrungen [hat], die Sinn geben. Sie erscheinen als Naturerlebnis, Traum, in Trance, bei Meditationsübungen, Gebeten oder Imaginationen.“ Diese Erfahrung kann ich als im Osten Deutschlands Lebende nicht teilen. Auch hat hier die jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Marxismus weder zur „individuellen mystischen“ noch zur „kollektiven Erleuchtung“ (S. 161) geführt.


Die vorgeschlagenen Text-Übungen sind großteils gut passend zu den Themen gewählt, aber nicht neu: Wer den Anregungen folgt, schreibt Elfchen und Sonette, Satz-Collagen und Dialoge, nutzt das Automatische Schreiben oder die Beschreibung. Dem Hinweis am Buchanfang, dass Schreiben Selbsterfahrungsprozesse auslösen kann, die bei psychischer Labilität gefährlich werden können trotzend, wird im Text mitunter von „Selbsttherapie“ gesprochen (S. 28). Ob die gelesenen und die zu jedem Kapitel produzierten Texte die erhoffte Sinngebung leisten können, bleibt den NutzerInnen überlassen.


Angelika Weirauch


Seegeberger Briefe, Zeitschrift für kreatives Schreiben, Nr. 91, 32 Jg., 2015 H2, S. 137-138