15..2.16.0

Medienecho: Kurzgeschichten aus dem BKS - eine Rezension von Kirsten Alert


Guido Rademacher, Andrea Budde (Hg.)


Kurzgeschichten aus dem BKS (Biografisches und Kreatives Schreiben an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin), Band 2


 


 


„Manchmal sagt die Mutter, heute gibt es Kaiserschmarren mit Vanillesoße.“ So beginnt die erste Kurzgeschichte. Lena Hach erzählt in Kirschen holen aus Sicht eines Mädchens, welche Folgen dieser Satz der Mutter über lange Kinderzeiten immer wieder hat. Glaubwürdig. Berührend. Spannend. Sprachgewndt. Dieses Urteil kann ich für den Großteil der 27 Kurzgeschichten abgeben, die die Leitung des Studiengangs Biografisches und Kreatives Schreiben an der Alice Salomon Hochschule Berlin herausgegeben hat. Guido Rademacher zeichnet für die Qualität in besonderer Weise verantwortlich, ist er doch als Dozent im Modul Prosa zuständig dafür, „die stilistischen Mittel epischer Sprache sowie die Bauformen und Strukturen narrativer Texte“ (S. 5) zu vermitteln, die Studierenden dabei zu unterstützen, sie in eigenen Versuchen anzuwenden, und mit seinem und Peer-Feedback umzugehen.


Inhaltlich schlagen die Erzählungen, die fast alle als klassische Kurzgeschichten gebaut sind, den Bogen von (autobiografischen) Kindheitserinnerungen über die Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert und die Brüchigkeit im Leben der Postmoderne bis zur Annäherung ans Thema Sterben. Sprachlich-stilistische Experimente wagen einige AutorInnen. Besonders gelungen ist der Umgang mit dem Wechsel der Erinnerungsebene in Heike Langes Erdbeerhimmel, ist die Gestaltung des alltäglichen Rassismus in Nadja Damms Wie ich einen der größten Rassisten des Landes umlegte und damit durchkam? Ganz einfach., ist die konsequente Anwendung einer Art Bewusstseinsstroms in Maike Scheipers Offenlegung eines verpassten Lebens mit Computer (Panzerspiel).


Es wird collagiert, es werden Dokumente mit Fiktion verwoben – die Sammlung zeigt die Möglichkeiten der Textsorte auf beeindruckende Weise. Vier Männer und 23 Frauen haben sich ernsthaft und überzeugend der Aufgabe gewidmet, selbst eine Kurzgeschichte zu gestalten – obwohl sich die wenigsten von ihnen als literarisch ambitioniert positionieren, ist doch der Studiengang pädagogisch ausgerichtet. Spannend also wäre zu erfahren, wie das, was aus den Geschichten herausleuchtet an aufgegriffener Möglichkeit der Textsorte, in Schreibgruppen vermittelt werden kann, um anderen Schreibenden ebenfalls die Möglichkeit zu geben, Lebensrealitäten zu fassen.



Kirsten Alers


Seegeberger Briefe, Zeitschrift für kreatives Schreiben, Nr. 91, 32. Jg., 2015, H2, S.137-138