30.09.2015

Medienecho: Theas Stein, und was ich dazu zu sagen habe.... von Peter Reuter, Kapellen-Drusweiler http://www.wortschau.com


 Theas Stein,



und was ich dazu zu sagen habe.... 


von Peter Reuter, Kapellen-Drusweiler www.wortschau.com%2F&h=qAQF3n3ez&s=1" target="_blank">www.wortschau.com






 


 


Der Herr sprach zu Kain: Was hast du getan?


Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.1.                  Mose 4,10


 


So beginnt es, dieses Buch. Ulrich Kasparick hat es geschrieben und berichtet in zehn Kapiteln über eine jüdische Familie aus der Uckermark. Und so habe ich über mein Treffen zu berichten – über den Paul und die Erna, über die Kinder Ruth und Herbert, auch über den Theo. Der Ben und der Ulrich, ihre Gespräche sie lassen mich ebenfalls nicht mehr los. Mehrmals habe ich mich in diesem Buch verloren, habe unterstrichen und notiert, habe nachgeschlagen und auch die Bilder betrachtet. Wie also soll ich es beschreiben – mein  Gelesenes und Gesehenes, das Gedachte und Gefühlte? Unmöglich ist es mir, den Rahmen einer der sonst „normalen“ Buchbesprechungen auszufüllen. Es  geht nicht, wie mir nach mehreren vergeblichen Versuchen klar geworden ist. Es geht beim besten Willen einfach nicht. Ich bitte deshalb um Nachsicht, dass es nur ein Streifzug wird. Zitieren werde ich, von den Unterstreichungen, den Umrahmungen, meinen Notizen und auch den meinen Gedanken berichten:


 


Der Weg bleibt mir haften, diesen über hügeliges Gelände, gleich hinter Güterberg. Diesen Weg hat auch die SA genutzt, damals im Jahr 1938. Dort haben sie noch eine kleine Weile gelebt, die Jacobys. Diesen Weg nutzte man später auch, um nach Dachau und Riga, nach Auschwitz zu kommen.


 


Christa Wolf: „Das Vergangene ist nicht tot. Es ist noch nicht einmal vergangen.“


 


Ja, sie ist gegenwärtig, diese Vergangenheit – auch all ihre Geschichten. Die Wörter Flucht und Krieg reichen aus, schon sind die Erinnerungen wach.


Der Arierparagraph und die Unsäglichkeit, ihn ins Regelwerk der Kirche zu integrieren, der Widerstand von Niemöller, Bonhoeffer, von Grüber – Niklas Frank und sein Buch „Mein Vater“, diesem Schlächter von Polen, seine Aufforderung nach einer Lesung an das ältere Publikum, es möge endlich den Mund aufmachen. Er wusste konkret, dass es nicht gewesen sein konnte, nichts  gewusst zu haben.


 


Heute erleben wir wieder die Anfänge, weil das Wissen geleugnet wird.Und auch dieser schlimme Arierparagraph, er meldet sich erneut zu Wort.


 


Gegen Ende der zwanziger Jahre tauchten dann die Männer mit den braunen Hemden auf. Eine rote Armbinde trugen sie auch. Ab 1933 sagte man dann Führer und Jude. Gauleiter Kube redete davon, es müsse endlich Schluss sein mit den Reden von dem Juden   Jesus. Dieser sei Arier gewesen. Und das Christentum müsse endlich deutsch werden.


 


So war sie wohl, diese Zeit. Keiner wusste Bescheid. Übrigens, Buchenwald zum Beispiel stand mit Telefonnummer im Telefonbuch von Weimar. Heute weiß man, will aber nicht mehr wissen. Wird man in 70 Jahren wieder behaupten, man habe nichts gewusst?


 


1934 wird Paul Schützenkönig und die Ernteschlacht tobt. Die Sprache zeigt die Richtung an. Sprache ist ein Seismograph, der ein Erdbeben ankündigt, bevor es wirklich eingetreten ist. Man schaltet Menschen ein – und schaltet Menschen aus.


 


1935 und 1936 berichtet das Buch über Gesetze und über Menschen. Auch erzählt es von den Pimpfen. Die großen davon waren und sind die gefährlichen. Lösungen zeichnen sich ab. Nach rechts bedeutet vergast. Dafür verwendete man ein Schädlingsbekämpfungsmittel.


 


Im Kapitel 6 wird überfallen. Das Finanzamt kümmert sich darum, dass aus Hab und Gut der Juden Volkseigentum gemacht wird. Und das Volk glaubt es.


 


Herberts Konfirmation 1939 – Die Rettung konnte nicht retten und nicht gerettet werden.


Die Persilscheine, das Stuttgarter Schuldbekenntnis, ersterer ist gängige Praxis. Man kennt sich ja. Zweiteres wird erbittert abgelehnt. Es waren die Anderen, die sind jetzt tot – und damit gut. Auch den braunen Kübel über das Dorf hat er ausgeleert, der Ulrich. Er, der Enkel, auch kurz vor dem Ruhestand, er ist schuld, nicht die Täter. Auch dieses Verhalten darf als gelernt bezeichnet werden.


Kapitel 8 beschleunigt den Gang zur Vernichtung. Thea verschenkt ihren Stein.


Kapitel 9 heißt „Auschwitz“.


Kapitel 10 heißt „Das Ende“.


 


Ich kann über das Buch nicht anders schreiben, ich kann über die Menschen nicht anders schreiben. Deutschland hat die Unmenschlichkeit bis zur Perfektion gelebt und hat aus ihr eine vermeintlich beherrschbare Technik gemacht. Diese Technik hat sich ebenfalls beim Verdrängen und beim Schweigen mehr als bewährt. Und immer noch tobt der Ungeist von Rassenhass und Diskriminierung in diesem unserem Land. Immer noch gilt es, sich in der Verdrängung zu wälzen wie die Sau in der Suhle. Wieder ist der Gutmensch ein Schimpfwort, schlimme Kommentare sind zu hören und zu lesen, die Unterlassungstechnik hat die Menschlichkeit erobert. Ich kann über das Buch nur schreiben, dass es wichtig ist - und es soll nicht nur, es muss gelesen werden.Dem Ulrich Kasparick danke ich, auch dem Ben. Und an die Jacobys denke ich – und trauere.


 


Ulrich Kasparick


Theas Stein


10 Kapitel über die Familie Jacoby


Eine Familiengeschichte aus der Uckermark


Schibri-Verlag, Milow


ISBN 978-3-86863-154-8