02.04.2009

Medienecho: Petermännken




Viel Literatur gibt es in diesem 20. Jahr nach der politischen Wende in der DDR zum Thema des Umbruchs. Wie haben sich all jene Ereignisse damals abgespielt? Und wie haben sie sich angebahnt? Was ist im Vorfeld, bisweilen sogar im weiten Vorfeld dessen, passiert? Warum hat der einst so optimistische Sozialismusversuch nicht funktioniert? All diese Fragen werden aufgearbeitet, mehr oder weniger, aus den unterschiedlichsten Sichten. Oft spielt dabei die Politik der Großen eine Rolle, manchmal aber auch die Politik der Kleinen, seien es die scheinbar Machtlosen von dieser Poltik Betroffenen oder seien es die kleinen Handlanger des großen, scheinbar allmächtigen, Apparates. Letzteres passiert in Paul F. Duwes Roman Petermännken, welcher 2008 im Schibri-Verlag erschienen ist. Das Petermännchen ist eine Sagengestalt aus dem Mecklenburgischen, aus dem Schweriner Raum. Vorgeblich ein von missgünstig gestimmten Adligen verjagter Prinz, der auf Rache sinnt, davon hergeleitet auch ein Beschützer der Armen, ein Hoffnungsträger im Exil, angeblich sogar am Grund des Schweriner Sees lebend; soweit die Sage. Die Hernahme dieser Figur als Titel für einen Roman, der das Leben in einer mecklenburgischen ländlichen Kleinststadt zu Zeiten des Prager Frühlings beschreibt, ist durchaus nachvollziehbar und gelungen. Einige Jugendliche, allesamt Absolventen einer Oberschule, sind die Träger der Botschaft dieser Geschichte. Der eine, der bald zur Armee muss und seine geliebte „Matte“, seine langen Haare abschneiden lassen muss, ein weiterer, der gerade mit der aufrichtigen Klassenkameradin Eva Marunde angebandelt hat, und ein weiterer, der bei einem Besuch im Schweriner Schloss in einem abgelegenen Keller die Akten über die Enteignung eines Bauern aus der eigenen Stadt entdeckt. Das sind die Betroffenen, die die eigentlich Offenheit fordern, die manchmal einfach nur ihre Lieblingsmusik im Radio hören wollen, dies aber nicht dürfen. Die anderen, diejenigen, die beherrschen, sind ein karrieristischer Schuldirektor, ein geheimnisvoller Stasimann, der für die Maßnahmepläne gegen die angeblich renitenten Jugendlichen verantwortlich ist und sein unmittelbar Vorgesetzter. Und dazwischen, wie kann es anders sein, eine Vielzahl anscheinend Unbeteiligter. Nachdem sich Eva Marunde bei einer Schulveranstaltung öffentlich für Meinungsfreiheit in der DDR ausgesprochen hat, erhält sie einen Verweis und gerät ins Visier der Staatssicherheit. Vorerst allerdings gibt es gegen sie aber keine weitere Handhabe. Als aber ein Mitschüler anonyme Grüße an sie via Radio Luxemburg sendet, unterzeichnet von „Petermännken“, wird eine überreagierende Maschinerie in Gang gesetzt. Ihr Klassenkamerad Joachim Manzow, Stones-Fan und anfangs noch Träger einer längeren Haarpracht, wird als Absender verdächtigt und in Haft genommen. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Der Roman beschreibt ein sehr authentisches Bild der provinziellen DDR am Ende der 60er Jahre. Paul F. Duwe gelingt es, die Gesamtsituation sehr anschaulich ins Bild zu rücken. Selbst Leser, die keine Erinnerungen mehr an diese Zeit haben, dürfen sich versetzt fühlen, in ein Land, welches es so nicht mehr gibt. Vor allem das Fehlen jeglicher Prominenter in diesem Roman, das Ensemble der mehr oder weniger sehr durchschnittlichen Menschen, macht diese Geschichte zu einem wahren Geschichtserlebnis. Es sind die Belange der so genannten „kleinen Leute“, die hier eine Rolle spielen. Und dass diese durchaus mittelbar von der „großen Politik“ betroffen waren, wird hierin sehr deutlich. „Petermännken“ ist zwar eine autobiographisch angelegte Geschichte, dennoch dürfte sie für unzählige weitere Menschen stehen. Und, was wohltuend ist, dieser Roman ist ein kleines Denkmal, welches nicht aus einer Siegerpose betrachtet werden muss. Rezension von Shanghai Drenger bei Radio LOTTE Weimar www.radio-lotte.de