02.12.2010

Medienecho: "Der kommende Aufstand" und die "spirituelle Revolution": eine Konfrontation



Die Zukunft geht mit neuen Perspektiven schwanger. Sehen wir uns erst das neue Buch „Der kommende Aufstand“ an, das von einem Unsichtbaren Komitee verfasst worden ist und in der Bundesrepublik auf große Resonanz in allen Medien stößt, und dann das kommende Buch von Lutz von Werder „Neue Wege ins Paradies – Zur Philosophie der spirituellen Revolution“, das im März 2011 im Schibri-Verlag erscheint.




„Der kommende Aufstand“ (Hamburg 2010, Hrsg.: Unsichtbares Komitee) untersucht drei Fragen:



  1. Was ist passiert?

  2. Was ist zu tun? und

  3. Was wird passieren?


Zur 1. Frage, was passiert ist, kommt Unsichtbare Komitee zu folgenden Feststellungen, indem es eine eindimensionale plakative Beschreibung des Systems liefert: Das Motto heißt hier: „Es wird immer schlimmer.“ Und: „Der Druck steigt.“ „Unsere Geschichte ist die der Kolonialiserung.“ „Das Unternehmen ist ein Ort, den wir nur durchqueren.“ „Mobilität schafft immer mehr Exil.“ „Die Metropolen produzieren auch die Mittel zu ihrer eigenen Zerstörung.“ Mit dem Handy, schreibt das Unsichtbare Komitee, „hat die Guerilla ganz neue Mittel gefunden, sich zu organisieren.“ Aufstand und Gewalt sind in dieser Schrift dasselbe.


Zur 2. Frage, was zu tun ist, rät das Unsichtbare Komitee, sich in Kommunen zusammenzuschließen, sich organisieren, um nie wieder arbeiten zu müssen, durch Betrug und durch illegale Erwerbung von sozialer Knete. Man sollte plündern, kultivieren und fabrizieren, das heißt ausgediente Maschinen kollektiv wieder nutzen. Nach und nach können alle Hindernisse umgeworfen werden durch elektronische Sabotage. Das Unsichtbare Komitee fordert Anonymität: „Keine Anführer, keine Forderungen, keine Organisation“. Das Unsichtbare Komitee steht auf Gewalt. Es schreibt: „Waffen sind notwendig.“ „Es gibt keinen friedlichen Aufstand.“ „Man greift eine Besatzungsarmee nicht frontal an.“


Der Text wird immer gewalttätiger.


Auf die 3. Frage, was passieren wird, antwortet das Unsichtbare Komitee: Die Jugend greift die Macht an. Auf Zusammenbrüche muss man vorbereitet sein. Die linken Parteien sind verwest und verschwunden. Der Partisanensinn muss neu erweckt werden. Die Katastrophe ist nicht das, was kommt, sondern das, was ist. „Wir befinden uns schon jetzt in der Untergangsbewegung einer Zivilisation.“ Politik ist nur noch der Versuch von oben, das Hängen der Herrschenden durch die Massen zu verhindern und die Kontrolle über die Massen zu stärken.


 


Dagegen setzt Lutz von Werders neues Buch „Neue Wege ins Paradies – Zur Philosophie der spirituellen Revolution“ (Berlin, Schibri-Verlag 2011) ganz anders an. Das Buch stellt vier Fragen:



  1. Was ist passiert?

  2. Was muss erledigt werden?

  3. Was ist zu tun?

  4. Was wird passieren?


Auf die 1. Frage, was passiert ist, lautet die Antwort von Lutz von Werder: Die alte Revolution ist tot. Die bisherigen Revolutionen seit 1789 sind alle gescheitert. Sie haben nur neue Cliquen an die Macht gebracht. Sie haben die Freiheit verraten und den Staat enorm ausgebaut. Sie haben Führerkulte und Ersatzreligionen etabliert. Sie haben die Produktion vergesellschaftet, aber nicht den Produzenten übertragen. Sie haben keine Räte und keinen demokratischen Staat von unten entwickelt. Sie haben keinen neuen Menschen geschaffen – im Gegenteil. Sie haben die Macht der Partei-Spießer über die entmündigten Massen kultiviert. Sie haben keine spirituelle Befreiung gebracht, sondern das Dogma des Banalen. Sie liebten die Gewaltraserei.


Auf die 2. Frage, was erledigt werden muss, antwortet Lutz von Werder: Bevor man von Veränderungen redet, müssen die alten Gespenster (Guerilla – Lenin-Kader – Gulasch-Kommunismus – Kommunismus als Pseudo-Religion)  zerstört werden. Bei der Analyse des Kapitalismus in der Krise ist beim Kapitalismus als Religion zu beginnen, bei der Krise des Finanzkapitals, bei der Expansion der Kriegsbewaffnung nach innen (mental) und nach außen (neue Kriege), bei den neuen Arbeitsverhältnissen, die die Mehrheit schafft, bei den Massen der spirituellen Immateriellen. Erst dann entsteht ein Bild, was passiert ist: Der Kapitalismus ist neu, und die Revolution ist völlig veraltet. Aber der Schrei nach Freiheit ist da! Überall!


Zur 3. Frage, was zu tun ist, fordert Lutz von Werder: Eine neue Revolution ist zu entdecken. Mit der Ein-Mann- oder Eine-Frau-Revolution wird begonnen, durch die psychoanalytische Selbstanalyse, um die autoritären Charakterstrukturen und die Vater- und Führer-Sehnsüchte zu zerbrechen. Netzwerke von spirituellen Gruppen, die dem Kapitalismus als Religion entkommen sind, sind zu bilden, in der Mehrheit. Gegen-Ökonomie durch Genossenschaften ist weiter zu entwickeln. Ökodörfer, Guerilla-Gardening und Tauschbörsen sollten weiter wachsen. Damit beginnt die Vergesellschaftung des Gemeineigentums von unten und bringt erste Beispiele, wie es auch mit Banken und Betrieben vorangehen kann. Die Forderung nach einem Weltbürgerpass und nach einem Grundgehalt ist natürlich selbstverständlich. Alle Protestbewegungen aus dem Öko- und Friedensbereich, die mit gewaltfreien Methoden arbeiten, unterwandern und entwaffnen die Macht. Denn gegen den Atomstaat kann keine „Partisanenphantasie“ überhaupt etwas ausrichten. Solche infantilen Phantasien führen nur zur Ermordung der Rebellen (vgl. das Schicksal der „Black Panther“ in den USA). Es gibt aber den gewaltlosen Aufstand gegen die Herren der Apokalypse, vgl. Thoreau, Gandhi und Martin Luther King. In diesem gewaltlosen Aufstand entwickelt sich als Kern der spirituellen Revolution eine ewige Philosophie in neuen Diskursforen und die meditative Praxis des Leiden-Könnens, um der Gewalt zu widerstehen. Das „Multi-Mind“, das neue Gehirn, wird aktiviert durch alle Methoden der modernen Körperarbeit und Psychotherapie. Albert Camus fordert: „Jeder muss den Mörder in sich überwinden.“ Es muss ein neues Ich entstehen, das das Unbewusste der Utopie und die unbewusste Lust an der Gewalt beherrscht. „Wo ES war, muss ICH werden“, schrieb doch schon Sigmund Freud. Wo autoritärer Kult in jeder Revolution bisher war, muss humanistische Utopie werden, forderte Erich Fromm.


Auf seine 4. Frage, was passieren wird, antwortet Lutz von Werder: Die Herren der Apokalypse werden rechtzeitig gestoppt. Die Mehrzahl der Menschheit greift in der Zukunft das „Empire“ an, zerstreut auf allen Kontinenten und nach vielen Anläufen. Auf 10 bis 20 Jahre Aufbau der Gegenkultur (Ökonomie, Politik und Spiritualität) kommt es an, die mit dem Fall des Empires langsam wächst. Auch der neue Staat von unten, die radikale Demokratie der Räte, wird von unten entstehen durch die Methoden des Kommunitarismus. Überall wachsen Genossenschaften in Städten und Ländern, in der Ersten, aber auch in der Dritten Welt. Es gibt viele Beispiele für Basisgemeinden in Südamerika und Südafrika. 800 Millionen Mitglieder leben heute in Genossenschaften. Die Zahl wird weiter expandieren. Es lebe die solidarische Ökonomie!


Es gibt ein Training in gewaltfreiem Widerstand für alle. Das ist möglich. Es gibt auch elektronische Subversionen als Verteidigung, aber nicht als Angriff. Der heutige „Untergang der Zivilisation“ ist die Stunde der Herren der Apokalypse. Ihnen muss die Macht durch die „Große Verweigerung der Vielen“ (H. Marcuse) entwunden werden. Dabei ist vom Steuerstreik bis zur Blockade von Kriegsaufmärschen alles denkbar.


Die heutige Politik verdient Mitleid. Sie verbirgt nur ihre Ohnmacht von der Eurokrise über die Umwelt- und Atomkrise, weil die unlegitimierte Macht immer mehr elektronisch enthüllt wird und mehr und mehr auf der Straße liegt. Wie Fische im Wasser unterwandern die immateriellen Spirituellen alle Institution

en des alten Staates, um der neuen Demokratie von unten,
den Räten – der echten Demokratie – den Weg frei zu machen.


Diese Thesen werden in Lutz von Werders neuem Buch „Neue Wege ins Paradies – Zur Philosophie der spirituellen Revolution“ umfassend und gründlich entwickelt und belegt. Sie fordern, auch im Blick auf die Gewaltphantasien des Buches „Der kommende Aufstand“, eine breite Diskussion heraus.


Lutz von Werders Buch wird im März 2011 im Schibri-Verlag erscheinen.