11.02.2011

Medienecho: Rezension: 1968 – ein Bildungsroman von S. Drenger




Buchrezension: 1968 – ein Bildungsroman


Von Shanghai Drenger für Radio LOTTE Weimar


Viele Autoren haben sich in der Vergangenheit mit der 68er-Bewegung beschäftigt. Die Facette reichte dabei von Revolutionären, die die Gesellschaft nachhaltig positiv veränderten bis hin zu den mitunter nachgeborenen Kritikern, die jener Bewegung einen moralischen und kulturellen Verfall der bundesdeutschen Verhältnisse anlasten. Mit Sicherheit haben beide Gruppen Recht wie auch Unrecht, denn es kommt schließlich darauf an, von welchem Standpunkt und mit welcher Wertigkeit Begriffe wie Kultur oder Moral betrachtet werden.


Lutz von Werder, selbst ein bekennender „68er“, resümiert in seinem „Bildungsroman“, als welchen er seine Aufzeichnungen deklariert, über die Hintergründe, Ursachen und Folgen dieser Zeit, die ihn dazu brachten politisch aktiv zu werden. „1968 – ein Bildungsroman“ ist somit ein Zeitzeugnis, lesenswert und durchaus nachdenklich stimmend.


Man muss die 68er-Bewegung gar nicht durch eine sozialistische Rot-Stern-Brille betrachten. Vielleicht geht das auch gar nicht mehr, nachdem sich die Biografien unterschiedlicher Akteure der damaligen Zeit beinahe öffentlich verfolgen lassen. Viel zu oft scheint die Revolution ihre Kinder bereits gefressen zu haben – oder das einst bekämpfte Establishment. Von Werder berichtet auch davon, zitiert ungefähr Gesprächsfetzen mit einstigen Aktivisten, die mitunter nach eigenem Bekunden „ganz woanders“ waren damals und nicht, wie zu vermuten, mitten in der umkämpften Republik.


Das jedoch ist nur eine Randnotiz des Buches. Vielmehr geht es dem Autor darum eigene Befindlichkeiten zu resümieren, aufzuarbeiten und daraus Schlussfolgerungen für das Heute zu ziehen. Und so kommt er schließlich von den damaligen kleinen Kämpfen wie Flugblattaktionen und Sit-Ins in den Hörsälen über die Frühstücksdiskussionen in herrschaftsfreien Wohngemeinschaften zur Bildungspolitik der heutigen Zeit. Das nicht von ungefähr, denn in der Bildung scheint ihm der Keim jedweder weiteren gesellschaftlichen Entwicklung zu stecken.


Verwirrend ist die Form seiner Aufzeichnungen. Von Werder bezeichnet es als Creative Writing, kreatives Schreiben also, mithin eine Ansammlung von tagebuchähnlichen Notizen, die auch als therapeutische Maßnahme zur Selbsterkennung gesehen werden könnten. Für außenstehende Leserinnen und Leser sicher ungewöhnlich, doch lässt man sich darauf ein, entsteht tatsächlich so etwas wie ein Roman – ein Bildungsroman eben – als welcher sich das Leben an sich stets präsentiert – wenn man es genau nimmt und nicht Versuche unternimmt, heikle Momente der Biografie als etwas von Außen kommendes abzuspalten. Das Leben ist wie es ist, die Menschen sind wie sie sind und was sie einmal getan und gesagt haben, haben sie getan und gesagt – nicht mehr und nicht weniger.


„1968 – ein Bildungsroman“ ist kein stringent erzähltes Werk zur Geschichte, weder zur Glorifizierung einer mehr oder weniger organisierten Bewegung geeignet, noch zur Distanzierung von selbiger. Auch wenn sich von Werder offen und oft distanzlos zu seinem Leben bekennt, erhalten die Leser des Buches doch einen distanzierten Draufblick auf eine Zeit und auf eine Bewegung, welche die bundesdeutsche Gesellschaft tatsächlich nachhaltig veränderte. 


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