25.08.2014

Medienecho: Theater mit allen


Nach fast 40 Jahren Tätigkeit im theaterpädagogischen und kulturellen Bereich legt Norbert Radermacher mit dem Buch „Theater mit allen“ ein Werk vor, das zahlreiche Perspektiven seines künstlerischen und pädagogischen Schaffens aufzeigt. Hierbei handelt es sich um eine Art Sammelband, der zahlreiche Artikel, Aufsätze und Schriften betreffend die theaterpädagogische Arbeit im Emsland und vor allem in Lingen, enthält. Durch ergänzende Beiträge von siebzehn anderen Autoren wie zum Beispiel Lars Göhmann, Gerd Koch oder Bernd Ruping reicht die Vielfalt des Inhaltes von den Anfängen des Theaterpädagogischen Zentrums der Emsländischen Landschaft in Lingen über angewandte Methoden und Modelle bis hin zur Beschreibung diverser Festivals und Symposien, die im Laufe der Zeit organisiert worden sind. Jedes der fünf großen Kapitel des Buches beschäftigt sich mit einem anderen Blickwinkel. Im Kapitel „Theater und Pädagogik“ wird unter anderem aufgezeigt, welche zahlreichen Schritte nötig waren, um das Theaterpädagogische Zentrum in Lingen gründen zu können. Ohne das Engagement von vielen Freiwilligen, allen voran Norbert Radermacher wäre dies nicht möglich gewesen. In den aufgezeigten Beiträgen kann der Leser nachverfolgen, wie aus einem Modellversuch das heutige TPZ entstanden ist, wie sich aus ersten Angeboten einer Lehrerfortbildung im Bereich des darstellenden Spiels das heutige Institut für Theaterpädagogik an der Hochschule Osnabrück entwickelt hat und welche verschiedenen Methoden und Modelle im Laufe der Zeit ausgetestet worden sind, um ganz unterschiedlichen Zielgruppen die Möglichkeit zu bieten, am kulturellen Leben im Emsland teilzunehmen. Vor allem dieses breitgefächerte Arbeiten mit unterschiedlichen Zielgruppen wird im zweiten Kapitel („Theater mit allen und für alle“) des Buches thematisiert. Neben Projekten mit Kindern und Jugendlichen im schulischen wie im außerschulischen Bereich bietet Norbert Radermacher einen Überblick über die verschiedenen Angebote für Erwachsene, Senioren oder aber auch Menschen mit Behinderung. Es ist sehr interessant zu lesen, wie vielfältig die Theaterarbeit im Amateurbereich im Laufe der letzten 40 Jahren gewesen ist und welch interessanten Projekte dabei entstanden sind. Neben den ganz unterschiedlichen Beiträgen und Aufsätzen finden sich hierbei auch viele aussagekräftige Bilder, die zeigen, welche Kraft das Theaterspiel mit allen Zielgruppen haben kann. Bei zahlreichen Artikeln lässt sich auch herauslesen, wie positiv die Rezeption der unterschiedlichen Projekte war und wie wegweisend viele davon im kulturpädagogischen Bereich der damaligen Zeit waren. Ein Beispiel hierfür wäre eine Adaptation der Zauberflöte von Schülern eines Projektkurses des Gymnasiums Georgianum, die unter anderem auf einem Kulturfestival in China und später auch in Marokko gezeigt wurde. Auch die vielfältigen Initiativen im Bereich der Lehrerfortbildung zeigen auf, wie wichtig es den Initiatoren des theaterpädagogischen Zentrums war, kulturelle Bildung zu etablieren und auch Multiplikatoren auszubilden, die weitere Angebote in der Region schaffen konnten. Gerade im schulischen Bereich hat das Theaterspielen eine lange Tradition, doch leider fällt es heute oft dem Mangel an Zeit, den strikten Lehrplänen oder aber den mangelnden Kenntnissen bezüglich der Umsetzung zum Opfer. Doch dass viele Lehrer Interesse daran haben, kulturpädagogisch mit ihren Schülern zu arbeiten, lässt sich daran erkennen, dass im Laufe der Zeit so viele Angebote zahlreich besucht wurden. Welch wichtige Rolle die theaterpädagogische Arbeit im Bildungsbereich einnimmt wird in mehreren Beiträgen thematisiert, unter anderem auch durch Podiumsbeiträge oder Abschriften von Vorträgen mehrerer Symposien. Neben der Beschreibung der praktischen Kulturarbeit legt Norbert Radermacher viel Wert darauf, aufzuzeigen, welche Diskussionen im Hintergrund in Politik und Wissenschaft zu diesem Thema stattfanden. Hierbei zeigt sich oft, dass die unterschiedlichen kulturellen Institutionen im Laufe der Zeit immer wieder dazu genötigt werden, ihr Dasein und ihre öffentliche Finanzierung zu rechtfertigen. In Zeiten von Finanzkürzungen und Einsparungen ist leider sehr oft vor allem das Kulturleben betroffen. In diesem Sinne bietet das Buch eine Vielfalt von Argumenten, um aufzuzeigen wie wichtig kulturpädagogische Angebote für alle Zielgruppen sind. Im Kapitel „Theater grenzenlos“ werden unterschiedliche internationale Strukturen und Projekte vorgestellt, die im Laufe der Jahre initiiert worden sind. Ein sehr wichtiges Projekt ist hier das Welt-Kindertheater-Festival, das heuer bereits zum 13. Mal organisiert worden ist. Diesmal stand es unter dem Motto „Color your World“ und es nahmen über 350 Kinder aus der ganzen Welt daran teil. Ganz unterschiedliche Theatergruppen präsentierten ihre Stücke, welche dann auch beim begleitenden Symposium im Anschluss diskutiert worden. Solche Zusammenkünfte helfen dabei, sich bewusst zu werden wie vielfältig das kulturpädagogische Schaffen mit Kindern und Jugendlichen in den unterschiedlichen Kulturen ist. Gleichzeitig fällt auch auf, wie viel Spaß und Freude kreative Beschäftigungen den jungen Menschen bieten und welch anderen Blick auf die Welt sie durch eine solche Zusammenkunft bekommen. Ein anderes internationales Festival das sehr viel Aufmerksamkeit erregt hat, war das „Fest der Sinne“. Hierbei handelt es sich um ein Festival, wo Gruppen von Menschen mit und ohne Behinderung aus unterschiedlichen Ländern ihre Produktionen zeigen konnten. Viermal fand das „Fest der Sinne“ statt und jedes Mal gab es eine gut besuchte Fachtagung, auf der die unterschiedlichen Präsentationen der Gruppen von Experten diskutiert worden sind. Während es heutzutage regelmäßig Festivals für Theatergruppen von Menschen mit Behinderung gibt, war dies 1995 eine richtige Neuheit. Dies zeigte sich auch daran, dass viele Zuschauer neugierig waren, welche Aufführungen dort gezeigt werden würden. Theaterarbeit mit Menschen mit Behinderung bzw. integrative Theaterarbeit, hat sich seither sehr viel weiter entwickelt und etabliert. Im deutschsprachigen Bereich gibt es zwei Theatergruppen, die am bekanntesten sind und stellvertretend für viele andere vorgestellt werden sollen. Hierbei handelt es sich einerseits um das Theater RambaZamba aus Berlin sowie das Theater Hora aus Zürich. Die Künstler des Theaters RambaZamba waren Pioniere auf diesem Gebiet in Deutschland. Bei allen Festivals war die Gruppe präsent und hat jedes Mal ihre sehr interessanten Produktionen präsentiert. Die Schauspieler, die fast alle eine geistige Behinderung haben, legen sehr viel Wert darauf, durchaus kritische Themen in ihren Stücken aufzugreifen und auf die Bühne zu bringen. Gleichzeitig zeugen ihre Aufführungen von großer Ästhetik und moderner Schauspielkunst. Ähnliches lässt sich auch über das Schaffen des Theaters Hora sagen. In den zwei Jahrzehnten seines Bestehens, hat das Theater Hora sehr unterschiedliche Stücke erarbeitet. Die größten Erfolge haben die Schauspieler allerdings erst kürzlich mit der Inszenierung „Disabled Theater“ unter der Regie von Jerome Bel gefeiert, die unter anderem längere Zeit in Paris aber zum Beispiel auch in Singapur gezeigt wurde. Diese beiden Beispiele sollen aufzeigen, welche Bedeutung heute das Theater von Menschen mit Behinderung einnimmt, was ohne solche Initiativen wie das „Festival der Sinne“ nicht möglich gewesen wäre. Der Austausch im begleitendem Symposium hat unter anderem auch dazu beigetragen, das eigene künstlerische Schaffen zu hinterfragen und sich so weiter zu entwickeln. Sehr lesenswert zu diesem Thema ist der Beitrag über die Kunst von Menschen mit Behinderung von Lars Göhmann in diesem Band, bzw. seine beiden Bücher „Theaterpädagogik in der Praxis. Entwürfe und Modelle für die Theaterarbeit an Sonderschulen“ (2000) und „Theaterpädagogik in Sonderschulen. Möglichkeiten und Grenzen ästhetischer Bildung“ (2001), die er dazu verfasst hat. Andere internationale Projekte die Norbert Radermacher vorstellt, sind zum Beispiel das Kulturwaisenhaus in Bangladesch, welches gleichzeitig ein Waisenhaus, eine Schule aber auch ein Kreativzentrum für die dort lebenden Kinder und Jugendlichen ist. Auf dem Welt-Kindertheater–Festival konnten von Beginn an viele internationale Kontakte geknüpft werden, unter anderem mit Theatermachern aus Bangladesch, was eine Kooperation zufolge hatte, aus dem dieses Kulturwaisenhaus entstanden ist. Norbert Radermacher beschreibt in einem Beitrag, wie er die Gegend um Moishor besucht hat und die dortigen Lebensumstände ihn inspiriert haben, dieses Projekt entstehen zu lassen. Auch der Artikel über „Olivers Traum“ erzählt davon, welch interessanten interkulturellen Projekte initiiert worden sind und wie die teilnehmenden Kinder auf unterschiedliche Art und Weise davon profitiert haben. Bei „Olivers Traum“ handelt es sich um ein Tanzprojekt mit Kindern aus fünf unterschiedlichen Nationen, darunter unter anderem Waisenkinder, die längere Zeit auf der Straße gelebt haben und so natürlich eine andere Sichtweise auf das Leben haben, als zum Beispiel die teilnehmenden deutschen Kinder. In der gemeinsamen kulturpädagogischen Arbeit zeigte sich aber schnell, dass die Träume aller Teilnehmer ähnlich sind und auf dieser Basis entstand ein sehr interessantes Stück. Solche internationalen Kooperationen sind vor allem dadurch möglich geworden, dass 1991 das europäische Zentrum der AITA/IATA in Lingen gegründet werden konnte. Hierbei handelt es sich um den internationalen Zusammenschluss von Amateurtheatergruppen, der bis dahin noch keinen Sitz in Europa hatte. Solche Gesellschaften sind sehr wichtig, um einen Austausch mit anderen Gruppen ermöglichen zu können und die internationale Zusammenarbeit zu fördern. Leider musste das europäische Zentrum 2011 wieder geschlossen werden, weil ein Teil der finanziellen Förderung eingestellt worden ist. Trotzdem nahmen in der Zeit seines Bestehens über 1400 Theaterwissenschaftler, Theaterpädagogen sowie Künstler aus mehr als 70 verschiedenen Ländern an den angebotenen Fachtagungen und Veranstaltungen teil. Das europäische Zentrum kooperiert unter anderem auch mit EDERED, einer Organisation, die sich weltweit dafür einsetzt, dass Kinder und Jugendliche sich auf unterschiedlichen Theatertreffen austauschen können. Solche Organisationen sind sehr wichtig, um den Bereich des Amateurtheaters weiter entwickeln zu können. Lange Zeit war die theaterpädagogische Arbeit mit unterschiedlichen Zielgruppen kein Gegenstand der theaterwissenschaftlichen Forschung im deutschsprachigen Bereich. Erst in den letzten Jahren findet die Theaterpädagogik Einlass in die Wissenschaft, was unter anderem auch daran zu erkennen ist, dass es erste Hochschulinstitute für Theaterpädagogik gibt. Eines der wichtigsten hat seinen Sitz in Lingen und gehört zur Fachhochschule Osnabrück und steht in enger Verbindung mit dem theaterpädagogischen Zentrum des Emslandes. Norbert Radermacher beschreibt in verschiedenen Artikeln im Buch wie es zur Gründung kam und welche Rolle das Institut für Theaterpädagogik vor allem für die Ausbildung von zukünftigen Theaterpädagogen bzw. Lehrern mit Schwerpunkt auf darstellendem Spiel einnimmt. Die vorliegende Publikation hilft dabei, einen Überblick zu bekommen wie sich im Emsland die Kultur- und Theaterpädagogik im Laufe der letzten vier Jahrzehnte entwickelt hat und macht Lust einige Ideen aufzugreifen und vielleicht sogar in eigene Projekte umzusetzen. Die vorgestellten Konzepte, Methoden und Praxisbeispiele sind keine Anweisungen, die man eins zu eins für das eigene Schaffen umsetzen kann, doch sie geben einen sehr interessanten Einblick in die kulturelle Arbeit mit verschiedenen Zielgruppen und können dabei helfen zu verstehen, wie wichtig solche Angebote nicht nur für die Region des Emslandes sondern für den ganzen deutschsprachigen Raum sind. Gleichzeitig handelt es sich hierbei um eine umfangreiche Sammlung von Artikeln, Aufsätzen und Vorträgen, die im Laufe der Jahre zum Thema „Theater mit allen“ veröffentlicht worden sind.


Quelle: www.theaterforschung.de/rezension.php4?ID=1988