13.01.2010

Medienecho: Petermännken


Schweriner Volkszeitung, 23.10.2009
Ein besonderes Kapitel DDR-Geschichte

Wer oder was das Schweriner Petermännchen ist, weiß inzwischen wohl jeder, der in der Region der Landeshauptstadt lebt oder in irgendeiner Form mit ihr in Berührung kam. Als Sagenfigur und Namensgeber für zahllose Firmen und Produkte hat es inzwischen die Funktion eines quasi schutzheiligen Kobolds übernommen. Hier nun werden wir mit einer ganz anderen und unvermuteten Variante konfrontiert: Petermännken – ein Codewort, ein Pseudonym! Und damit sind wir schon mittendrin in einem besonderen Kapitel DDR-Geschichte, der Zeit des Prager Frühlings.
Der aus Lübz stammende Autor Paul F. Duwe, heute als freier Journalist an verschiedenen Medienprojekten in Berlin beteiligt, bringt uns und vor allem jenen, die damals die Schulbank gedrückt haben, diese Jahre und die Zerrissenheit des damaligen Zeitgeistes insbesondere innerhalb der staatsorganisierten Jugend in seiner autobiografisch angelegten Erzählung ins Gedächtnis.
Eigenes Erleben ist in jeder Zeile zu spüren. Mitunter plattdeutsche Dialoge, sozialistischer Alltag mit seinen besonderen Zwängen, Sorgen und Freiräumen, mit Lebenslust und Lebenslist, geteilten Sorgen und einem Miteinander, das wir heute oft vermissen.
Der Leser, der Zeitzeuge war, ertappt sich unwillkürlich dabei, seine eigenen Erinnerungen an diese vor Spannung knisternde Zeit aufzufrischen, sie zu vergleichen. Die Geschichte spielt sich in einer mecklenburgischen Kleinstadt ab, in der eine Oberschülerin bei einer öffentlichen Schulveranstaltung freien Rundfunkempfang fordert und dafür von der Schule fliegen soll.

Damit ist der Konflikt losgetreten, erst recht, als ein Mitschüler ihr unter dem Codewort Petermännken via Radio Luxemburg Grüße übermittelt, ihr Mut und damit die Sache öffentlich macht. Immerhin ist dieser Sender seinerzeit ein Muss für Jugendliche, die ihr Lebensgefühl mit der Musik von Stones, Beatles & Co. verbinden. Natürlich werden unwillkürlich alle Parteien auf den Plan gerufen und aktiv, die für solche Fälle zuständig sind: Geheimdienst, Amtsinhaber, der Schuldirektor.
Auf der anderen Seite das differenzierte Ensemble offener und schweigender Sympathisanten, der Gleichgültigen im Umfeld der Betroffenen. Es folgt das damals Übliche: Verdächtigungen, Drohungen, repressive Maßnahmen, Haft. Was ist an dieser Geschichte Fiktion, was nicht?
So manche Situation wird derart genau und kenntnisreich wiedergegeben, dass sie kaum literarische Erfindung nötig hat. Die Mathe-Olympiade im Schweriner Schloss zum Beispiel, bei der sich mancher von uns den Kopf zerbrochen hat. Ebenso der eigentliche Schauplatz der Erzählung. Detailreich und liebevoll, fast mit einem Hauch Wehmut wird sie beschrieben, die Stadt am Fluss mit dem Rest eines Schlosses, der alten Schleuse…
Wie dem auch sei, den Rahmen des Buches gibt dennoch die historische Realität vor und so gerät auch hier der politische Frühling samt den mit ihm verknüpften Schicksalen in die Sackgasse und endet in einem tristen Herbst. Ein unvollendetes Projekt, vorerst, dessen Spuren Richtung Gegenwart zeigen.

Rolf Seiffert